Cover Graeme Simsion: "Das Rosie-Projekt"

Graeme Simsion: Das Rosie-Projekt (Hörbuch)

Don Tillmann ist Professor für Genetik, und sein Gehirn ist anders konfiguriert als das der anderen. Der hochintelligente Mann hat Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Kontakten – aber heiraten würde er schon gern. Also entwickelt er das Ehefrau-Projekt und castet mithilfe eines sechzehnseitigen Fragebogens die Kandidatinnen.

Das klingt zunächst sicher skurril – wie kann jemand auf der einen Seite brillant und auf der anderen so ahnungslos sein? -, doch wir bekommen eine Ahnung, was hier los ist, als Dons Freund Gene ihn bittet, ihn bei einem Vortrag über das Asperger-Syndrom zu vertreten. Als Genetiker ist Don damit nur wenig vertraut, also recherchiert er gründlich. Während der Nahrungsaufnahme in der Mittagspause, alles andere würde eine Umstellung des Zeitplans erforderlich machen. Don interessiert sich eher für die mögliche Beteiligung der Gene an der Entstehung dieser Form der Autismus-Spektrums-Störung, lernt aber auch, dass die Betroffenen häufig über eine hohe Intelligenz verfügen, sich extrem gut auf ihre Spezialgebiete konzentrieren und somit über diese einen enormen Wissensschatz anhäufen können, sich aber mit nonverbaler Kommunikation und Gefühlsäußerungen schwer tun.

Bei seinem Vortrag wird klar, dass Don die Kinder mit Asperger-Syndrom weitaus sympathischer findet als deren besorgte Eltern, die sich Gedanken machen, wie man das „Defizit“ ausgleichen könne. Als Genes Frau Claudia, ihres Zeichens Psychologin, ihn jedoch anschließend fragt, ob die Symptome ihn an jemanden erinnert hätten, nennt Don einen Kollegen aus der Uni. Dass er selbst offensichtlich Autist ist, weiß er nicht. Auch das mag wieder merkwürdig klingen, ist aber gar nicht so unwahrscheinlich – bei einem entsprechend hohen IQ (oder anderen ausgleichenden Faktoren) bleibt Autismus heute noch häufig undiagnostiziert.

Da Don zwar gern heiraten möchte, beim Dating aber kein Glück hat – die meisten Frauen verfügen über eine zu geringe wissenschaftliche Qualifikation, sind Veganerinnen, rauchen, sind unpünktlich oder haben andere irrationale Eigenheiten -, entschließt er sich, einen Fragebogen zu entwickeln. So will er ungeeignete Bewerberinnen ausfiltern, um keine Zeit mehr für Dates zu verschwenden, bei denen er dann feststellen muss, dass die Frauen an Homöopathie glauben oder ihr Horoskop lesen. Gene und Claudia helfen bei der Formulierung der Fragen, und Gene bietet sich an, die Kandidatinnen für Don zu filtern. Sicher nicht ganz uneigennützig, denn Gene führt eine offene Ehe und verfolgt seinerseits das Projekt, mit einer Frau aus jedem Land der Welt zu schlafen.

Die erste Kandidatin, die in Dons Büro erscheint, ist Rosie – er kannte sie bereits als „Zu-spät-Frau“ von der Veranstaltung einer Dating-Agentur. In der Annahme, sie habe trotz ihrer Unpünktlichkeit im Fragebogen eine hohe Punktzahl erreicht, lädt Don sie zum Essen ein. In einer Folge skurriler Begegnungen erweist Rosie sich als völlig ungeeignet: Sie raucht, sie färbt sich die Haare, sie isst kein Fleisch und sie arbeitet als Barkeeperin. Aber sie braucht Dons Hilfe als Genetiker, denn sie würde gern herausfinden, wer ihr leiblicher Vater ist. So drängt das „Vater-Projekt“ das „Ehefrau-Projekt“ vorübergehend in den Hintergrund… Und Don macht für Rosie ein paar Ausnahmen, was seinen Zeitplan und andere Gewohnheiten betrifft.

In äußerst vergnüglicher Form greift dieses Hörbuch ein ernstes Thema auf. Beim Stichwort „Autismus“ denken zu viele noch spontan an „Rain Man“, dabei kann es sich auf viele verschiedene Arten äußern. Schön auch, dass Don klarstellt, es handele sich dabei weniger um ein Defizit als eine „alternative Konfiguration“. Robert Stadlober liest den Text von Graeme Simsion genau so, wie er gelesen werden sollte: Aus Dons Perspektive, ein wenig monoton und ohne große Gefühlsäußerungen. Das erfordert am Anfang ein wenig mehr Konzentration beim Zuhören, macht es aber viel überzeugender. Ich habe mich oft köstlich amüsiert, wenn Don etwas wörtlich genommen hat, das nicht so gemeint war. Auch die Tatsache, dass er Schwierigkeiten mit Ironie und Sarkasmus hat und immer exakt sagt, was er denkt, sorgen für witzige Situationen. Und sie rufen etwas ins Bewusstsein, das wir zu oft vergessen – nämlich, dass das Verständnis von Anspielungen, die Verwendung von Sprichwörtern etc. auch ein Lernerfolg, ein Resultat der kulturellen Prägung sind, die wir nicht ganz so sehr als gegeben hinnehmen sollten.

Rosie muss man einfach bewundern. Spätestens bei der Erklärung des Standard-Mahlzeiten-Modells hätten die meisten sicher die Flucht ergriffen. Nicht so Rosie. Sie akzeptiert Dons Eigenheiten, erklärt ihm sehr geduldig, was ihm entgeht, und bringt ihn beharrlich dazu, seine Komfortzone auch mal zu verlassen. Und, last but not least: Sie schämt sich nicht für ihn, wenn er in der Öffentlichkeit einen Fauxpas begeht. Kurz und gut: absolute Hörempfehlung!

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